Literatur im Erzgebirge - Literatura v Krušných Horách

 

Anders?

Ich rannte.
Ich atmete.
Ich war lebendig.
Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Meine Brust hob sich im Takt. Mein Bewusstsein hatte sich schon längst verabschiedet- so wie immer wenn ich rannte. Ich war auf der Flucht...auf der Flucht vor mir selbst und dem Geschehenen. Ich war bereits mit den Kräften am Ende, doch ich konnte einfach nicht stehen bleiben. Dann würde sich mein Bewusstsein wieder anschalten und ich müsste in die Realität zurückkehren. Aber das wollte ich-Verdammt nochmal!-nicht. Ich wollte nicht daran denken was ich getan hatte und daran wie gut es sich angefühlt hatte...
Es war ein heißer Sommer. Ich stand in meinem leergeräumten Zimmer. So dunkel und leer, wie das Zimmer jetzt war, löste es in mir ein beklemmendes Gefühl aus. Ich stand noch einige Minuten in meinem Zimmer und dachte nach, bis ich mich auf dem Absatz umdrehte und zur Treppe ging. Ich griff nach dem Geländer Es war rund und an manchen Stellen platzte schon das Holz ab. Ich ging die Treppe ein letztes Mal hinunter und lief zur Eingangstür. Ich öffnete und schloss sie ein letztes Mal, dann ging ich zum Auto, wo meine Eltern auf mich warteten. Dort angekommen, lies ich mich auf den Rücksitz fallen und wir fuhren los. Mein Vater schob eine Musik-CD ein, ich schloss die Augen und schlief ein.
Ich spürte eine Hand an meiner rechten Schulter, die mich leicht schüttelte. Ich öffnete meine Augen und erkannte, dass es meine Mutter war, die mich geweckt hatte. Wir waren im neuen zu Hause angekommen. Ich stieg aus und mein Blick strich über die Front des Hauses. Es sah nicht besonders nobel aus aber der kleine Vorgarten gefiel mir auf Anhieb. Mein Vater holte einen Schlüssel raus und öffnete die Haustür.
Während ich die letzten zwei Wochen noch im Internat gewohnt hatte, hatten meine Eltern das Haus bereits bezogen und alles eingerichtet (außer mein Zimmer natürlich, das würde ich mir selbst zurecht machen). Meine Mutter und mein Vater erstatteten mir eine kleine Führung durch das alte Haus. Zum Schluss zeigten sie mir mein Zimmer. Es war um einiges größer als mein Vorheriges und hatte einen guten Lichteinfall, so dass es am Tag immer von Licht durchflutet wurde. Das Haus war größer als ich gedacht hatte. Es war gemütlich eingerichtet und gefiel mir ziemlich gut. Als die Führung beendet war, holte ich meine Kartons aus dem Auto und verzog mich in mein zukünftiges Zimmer. Ich bezog es und richtete es mir gemütlich ein. Als ich fertig war legte ich mich auf mein Bett und dachte nach.
Das klingt jetzt alles ziemlich einfach, doch in Wirklichkeit war es für mich unheimlich kompliziert. Aber ich wollte es meinen Eltern nicht unnötig erschweren, schließlich gaben sie sich die größte Mühe. Der Umzug bedeutete für mich Stress. Neue Stadt, neues Haus neue Schule (diesmal war es kein Internat, diesmal war es eine High-School, von der wir nur drei Blocks entfernt wohnten). Ich hatte keine Ahnung was mich in der neuen Schule erwarten würde und hatte ziemliche Bange vor dem ersten Schultag. Schüchtern war ich nicht, aber auf Schule zu gehen, wo ich keinen Menschen kannte, machte mir irgendwie Angst. Allerdings waren ja auch noch Ferien und ich würde hoffentlich genug Zeit haben ein paar Leute kennenzulernen.
Am nächsten Tag stand ich früh auf. In der Nacht hatte ich schlecht geschlafen und brauchte jetzt etwas Bewegung um wach zu werden. Meine Sportsachen hatte ich bereits angezogen und schnürte nun meine Schuhe zu. Dann trat ich vor die Tür. Die Morgenluft war kühl und frisch, so liebte ich es. Ich trat auf die Straße und atmete tief durch. Anschließend begann ich zu dribbeln, dann zu joggen und schließlich rannte ich. Meine Brust hob sich im Takt und mein Bewusstsein verabschiedete sich. Irgendwann kam ich an einen Park und bog rechts auf einen Weg, der in diesen führte. Ich rannte mehrere Runden. Erst nach einer Weile bemerkte ich ein Echo meiner Schritte. Ich drehte meinen Kopf nach rechts und schielte nach hinten. Hinter mir rannte ein Junge, ungefähr in meinem Alter. Er war groß und sportlich gebaut, zudem hatte er erstaunliche Oberschenkel- und Wadenmuskeln. Ich drehte meinen Kopf wieder um und legte noch einen Zahn zu, doch ich konnte ihn nicht abschütteln. Schließlich legte ich an der nächsten Bank, eine Vollbremsung ein und stützte mich, vornübergebeugt und schwer atmend, auf meine Knie. Der fremde Junge blieb ebenfalls stehen und tat es mir gleich. Während wir versuchten wieder zu Atem zu kommen, sahen wir uns unentwegt in die Augen. Als sich mein Atem verlangsamte, richtete ich mich auf und ließ mich erschöpft auf die Bank fallen. Wieder tat es mir der Junge gleich. Ich sah ihn irritiert an. Er schien es bemerkt zu habe und streckte mir aufgeweckt seine Hand hin: ,,Jake mein Name.“ Ich schüttelte sie und erkannte an der Art wie er mich ansah, dass er auch von mir erwartete, dass ich mich vorstellte.
,,Damien“, antwortete ich knapp. Kurze Stille. Dann fragte er wider (mit diesem neugierigen Blick): ,,Bist du neu hier?“ Ich nickte. Als er mich weiterhin abwartend ansah, fügte ich noch hinzu: ,,Wir sind vor zwei Tagen hier hergezogen.“ Er nickte bedächtig. ,,Du bist wirklich gut.“
,,Wie?“ fragte ich irritiert. ,,Naja...Du bist wirklich schnell und hast erstaunliche Ausdauer...Hast du schon einmal darüber nach gedacht einem Verein beizutreten, der das fördert? Oder bist du schon in einem?“ ,,Früher...bevor ich auf ein Internat gegangen bin.“ ,,Du warst auf einem Internat?“ ,,Ja, zwei Jahre lang.“ ,,Wie alt bist du?“ ,,16...Und du?“ ,,17...Weißt du schon auf welche High-School du nach den Ferien gehen wirst?“ ,,Ja, auf die Newberry High School.“ ,,Wirklich? Auf die Schule gehe ich auch!“ ,,Mh...“Ich wusste einfach nicht was ich darauf hätte antworten sollen.
,,Du bist also neu hier?“ fragte er nachdenklich. ,,Ähm...Ja?“ antwortete ich zögerlich. ,,Soll ich dir morgen vielleicht mal die Stadt zeigen?“ Ich stutzte. Wir kannten uns gerade mal seit 15 Minuten und er erwartete schon, dass ich mich mit ihm wiedertreffen würde um einen ganzen Tag mit ihm zu verbringen. ,,Ich weiß nicht...“ Weiter ließ er mich gar nicht kommen. ,,Hast du ein Handy? Bestimmt. Ich geb dir meine Nummer, dann können wir heute Nachmittag nochmal drüber schreiben.“ Er holte einen winzigen Notizzettel heraus und kitzelte mit einem Kuli ein paar Ziffern drauf, gab mir den Zettel, streckte sich und stand auf. ,,Naja...dann bis morgen!“ rief er und rannte wieder los. Und ich saß da immer noch mit offenen Mund und begriff die Situation einfach nicht.
Am späten Nachmittag lag ich auf meinem Bett. Ich betrachtete das Blatt mit den Ziffern und griff nach meinem Handy. Das war meine Chance, Jemanden kennenzulernen, bevor die Schule wieder losgeht. Dann würden mir am ersten Schultag nicht alle fremd sein.
Wie verabredeten Treffpunkt und Uhrzeit und Jake lud mich, zu einer anschließenden kleinen Feier am Lagerfeuer, ein. Er zeigte mir die Stadt und wir besuchten mehrere Cafés. Bei der kleinen Feier lernte ich noch andere zukünftige Mitschüler kennen. Der Tag war lang und ausgelassen. Ich hatte Jake näher kennengelernt und erfahren, dass er Mitglied in einem Leichtathletikverein war, der neue Teammitglieder suchte. Wir trafen uns von da an fast jeden Tag. Wir redeten und lachten viel. Und immer wenn Jake wie ein Wasserfall redete, musste ich immerzu auf seine Lippen starren. Nachts konnte ich nicht schlafen und lag stundenlang wach auf meinem Bett und starrte die Decke an.
Schon bald trat ich dem Leichtathletikverein bei. Das Training fand zwei Mal die Woche statt. Außerdem ging ich jeden Morgen gemeinsam mit Jake joggen. Es vergingen einige Wochen, bis da dieser eine Tag war...
Das Training war bereits beendet und nur wir beide standen noch in der Umkleidekabine. Gerade zog er sich ein Hemd an und versteckte dadurch seine beeindruckenden Bauchmuskeln. Ich sah ihm gebannt zu. Plötzlich trafen sich unsere Blicke und er hielt inne. Stille...Ich starrte auf seinen halbgeöffneten Mund, dem ich mit meinem unbemerkt immer näher gekommen war. Zwischen uns waren nur noch wenige Zentimeter. Er strich mit Daumen und Zeigefinger zärtlich über meine Wange. Dieser Blick! Dann trafen sich unsere Lippen und wir küssten uns...
Ich wollte das alles nicht und doch war es genau das, wonach ich mich die ganze Zeit gesehnt hatte. Und doch riss ich mich von ihm los, stieß ihn weg und rannte raus bis auf die Straße und immer weiter. Ein Schritt nach dem anderen. Ein Fuß vor den Anderen. Und während ich da, mit Tränen in den Augen, durch den Park hetzte, ging mir immer dieses eine Wort durch den Kopf: ,,ANDERS“

 

 

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