Literatur im Erzgebirge - Literatura v Krušných Horách

Zu Ehren der kürzlich verstorbenen ältesten erzgebirgischen Mundartdichterin Angela Thiel möchten wir an ihr Leben und Schaffen erinnern.

Dazu stellen wir Ihnen rückblickend einen Besuchs des Annaberger Wochenblattes vom Mai 2013 vor. (Quelle: http://www.annaberger.info/Politik/13__Angela_Thiel/13__angela_thiel.html)

Das Alter - ein Gedicht!

Das Annaberger Wochenblatt besuchte die Satzunger Heimatdichterin Angela Thiel, eine der Töchter von Luise Pinc, kurz vor ihrem 91. Geburtstag und sprach mit dieser rüstigen Erz-Erzgebirgerin über ihr langes Leben und umfängliches Schaffen.

Am 31. Mai 2013 wird sie 91 Jahre alt. Sie wohnt im letzten Haisl von Satzung, bevor das Öko-Wald- und Moor-Reservat der EU beginnt. Ein sich selbst regenerierendes Naturrefugium zwischen Deutschland und Tschechien. Anscheinend regenerieren sich hier nicht nur der Wald, sondern auch die Menschen, denn Natur und Mensch bilden hier eine seltene und wohltuende Einheit. Und das Alter von Angela Thiel gibt dieser Co-Existenz recht. Sie ist hier geboren, ihre Abwesenheiten dauerten wegen des Heimwehs nie lange an. In ihrem Haus in alter Satzunger Bauart ist sie autonom und glücklich. Wie eine Mitsiebziegerin schaut sie aus, und sie besteht darauf, allein Holz aus dem Wald zu holen, - deshalb sieht der auch aus wie gebohnert! Sie hackt es selbst, heizt die Küche, kocht, räumt auf... „Wenn iech mich net beweng kaa, werd ich krank“, sagte sie auf die ungläubigen Blicke von uns jüngeren Frauen.

Dieses Glück in der Heimat beschreibt sie nun schon sehr lange in meist mundartlichen Gedichten in den verschiedensten
Rhythmen, Zeilenlängen und zu unterschiedlichen Themen, die den ganzen Alltag zum Gegenstand haben. Dazu natur- und jahreszeitliche Impressionen sowie die geliebten heimatlich geprägten Festivitäten mit der den Erzgebirgern eigenen Innigkeit.
Angela Thiel (Andere)
Angela Thiel ist ein heiteres und auch nach ärztlichem Zeugnis gesundes Menschenkind im 10. Lebensjahrzehnt. Ihre selbstironische Reflexionen entstammen einem Leben, das von einer schönen, geforderten Kindheit und tiefen Verwerfungen in der Familie geprägt wurde. Sie scheint sich mit ihrem Mutterwitz stets selbst aus den „Mooren des Lebens“ gezogen und dabei wieder aufgerichtet zu haben. Dabei half ihr das Singen und Dichten wie ein Elexier.
Ihre Eltern waren prägend im Beispiel und als Partner. Ihre Mutter ist die heute noch bekannte Heimatdichterin und Liedersängerin Luise Pinc, die im sogenannten Klinghaisl in Satzung lebte, wo ein Platz nach ihr benannt und damit ihr reiches Schaffen geehrt wurde. Mit ihren drei Töchtern, von denen Angela Thiel die älteste ist, und ihrer Schwester trat sie als Erzgebirgsgruppe „De Tischermaad“ in den Dreißigern und später als „Luise Pinc und ihr Kleeblatt“ (Foto: v. l. Angela, Violett, Christa und Luise Pinc, April 1950) in ihrer engeren Heimat, aber auch darüber hinaus, und sogar im Rundfunk, auf.
Nur Hochdeutsch wollte sie dort nicht singen. Sie spielte in ihrer eigenen einfachen Technik auf dem Harmonium und Angela zupfte die Gitarre dazu, die heute noch an der Wand ihrer Küche hängt. Ab und an singt sie ihre eigenen, manchmal auch von ihr vertonten Dichtungen. Es klingt noch viel nach, von der einst schönen Gesangsstimme. Sie erinnerte sich an heitere Begebenheiten bei einem Auftritt mit der Gruppe in Bautzen, wo auch der bekannte Heimatdichter Max Wenzel auftrat. Vor Müdigkeit hatte sie sich frühzeitig in ihrem Zimmer schlafen gelegt und zugeschlossen, hörte nicht, dass die Mutter später rein wollte. Ein junger Mann „fensterlte“ dann und öffnete von innen. Angela wunderte sich, dass so viele Leute im Zimmer waren!
Ihr Arbeitsleben begann mit 16 Jahren als Dienstmagd in einer Bäckerei in Wüstenbrand, wo sie weg vom Zuhause Brot austragen musste, aber wegen Heimweh zurück wollte. Dann arbeitet sie über dreißig Jahre in Satzung in einem Textilbetrieb. Sie erzählt über die damaligen Lebensbedingungen in dem „Händlerdorf“ Satzung: Gänsehändler, Spitzenhändler lebten dort.

Mißtönen und Verfolgung war die Familie in Dritten Reich ausgesetzt. Da der geliebte Vater tschechischer Zoll-Beamter war, wurde die Familie als so genannte “Mischlinge” eingestuft. Noch heute bewegt sie das Schicksal ihres Onkels, Vaters Bruder, der im Zusammenhang mit dem Heidrich-Attentat in Prag verhaftet und 1944 schließlich in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Sie selbst hatte sich damals nach dem Schicksal des Onkels im schon stark zerstörten Berlin erkundigt und wurde dort von Nazibeamten selbst mit KZ bedroht. Auch ihre erste Liebesheirat stand unter dem schlechten Stern von Krieg und Diskriminierung durch den Schwiegervater und dem Verlust des ersten Kindes. Erst mit ihrer zweiten Ehe ab 1950 hatte sie Glück und lebte über 40 Jahre mit ihrem Mann zusammen. Heute freut sie sich über den Sohn und die Enkel in ihrer Nähe und immer wieder über ihre erzgebirgische Heimat, der sie immer wieder neue Gedichte und Liedzeilen widmet. Vor kurzem ist sie noch in einem Diakonie-Heim aufgetreten und ist nicht abgeneigt, das wieder zu tun bei Menschen, die zwar langsam vergehen, aber mit Liedtexten und alten Erinnerungen immer noch aufleuchten.
Bei unserem Besuch freute sie sich über das kürzlich erschienen erzgebirgische Kinderliederbuch, das ihr von Monika Knauth aus Ehrenfriedersdorf - die selbst als Autorin und Komponistin daran mitgewirkt hat - präsentiert wurde. Doch auch heutzutage ist das Leben nicht immer nur Idylle. Sie sorgt sich um den Nachlass der Mutter Luise Pinc. Das Klinghäusl (Foto oben: Zimmer im Klinghäusl), nur ein paar Schritte von ihrem Haus (Foto unten) entfernt, sollte als Museum samt Inhalt von der Baldauf-Villa Marienberg übernommen werden. Es wird nun von Nachfahren ihrer Schwester verkauft, Gegenstände werden veräußert, der künstlerische Nachlass kommt vielleicht in unkundige Hände!
Damit aber noch nicht genug der aktuellen Sorgen: In einer seltenen Nacht erholsamen Tiefschlafes drang ein Einbrecher Anfang Mai in ihr Haus, stahl Geld und wertvolle Erinnerungen, durchwühlte Schränke und Kästen. Der tiefe Schock für Angela Thiel, dass jemand in ihre Sphäre gedrungen ist, wich zwar inzwischen einer reflektierenden Nachdenklichkeit. Zur entgültigen Verarbeitung wird es aber wohl noch Zeit brauchen. Immerhin hat sie das kriminelle Ereignis - und was hätte noch alles passieren können - schon in einem besinnlichen Opus ihrer Dichtkunst verarbeitet.
Ihre Werke schreibt sie in dicke Bücher, und über Gedrucktes konnte sie sich auch schon freuen, u.a.: „Gedichte aus einem langen Leben“, Satzung 2006, Hrgeb: Monika und Reiner Knauth.


Zu ihrem 91. Geburtstag, den sie in ihrem Familienkreis, in hoffentlich noch lang anhaltender geistiger Beweglichkeit und ihrer schönen Gebirgsheimat verbringen wird, wünschen wir ihr auch weiterhin, dass der unvergleichliche, ansteckende Humor erhalten bleibe und dass das Dichterinnen-Glück sie - bei stabiler Gesundheit - nicht verlassen möge.
Eveline Figura

´s Frühling wurn

Staunend stieh ich in men Garten
un bewunner äll die Pracht.
Hunnerte von Himmelschlüsseln
sei ganz plötzlich aufgewacht.

Un derzwischen Gänseblümeln
recken ihre Köppeln raus.
Wie e wunnerschiener Teppich
sieht mei Garten itze aus.

Weidenbüsch in voller Blüte
locken Hummeln, - Bienen a.
Überschwenglich holder Frühling, -
du brengst uns dos älles ra.

Äll dos Blühe, - äll dar Duft -
schließt mir Harz und Seel weit auf.
Wie e Lerchnlied in dr Luft,
steigt mei Dank zun Himmel nauf.

Angela Thiel


Wir danken Familie Monika und Reiner Knauth für die Unterstützung bei Recherche und Besuch.

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